5. Selbständigkeit junger Menschen - Auswertung einer Erhebung im Rahmen der IBN
5.1 Ergebnisse der Befragung zu den Anforderungen an Kompetenzen junger Menschen zur selbständigen Lebensführung
Zunächst wird die Zusammensetzung der Stichprobe beschrieben, daran schließt sich eine deskriptive Darstellung der Bewertung der Kompetenzen aus den jeweiligen Arbeitskontexten/ Rollen/ Funktionen der Befragten an.
Die Zusammensetzung der Stichprobe
Folgende Fachkräfte haben sich an der Befragung beteiligt:
Jugendamtsbereich | |||||
| Häufigkeit | Prozent | Gültige | Kumulierte | |
Gültig | Landkreis (LK) Celle | 42 | 10,2 | 10,2 | 10,2 |
LK_Cuxhaven | 43 | 10,4 | 10,4 | 20,6 | |
LK_Hildesheim | 26 | 6,3 | 6,3 | 26,9 | |
LK_Lüneburg | 36 | 8,7 | 8,7 | 35,7 | |
LK_Nienburg | 99 | 24,0 | 24,0 | 59,7 | |
LK_Stade | 14 | 3,4 | 3,4 | 63,1 | |
LK_Wesermarsch | 26 | 6,3 | 6,3 | 69,4 | |
LS[1] und Sonstige | 81 | 19,7 | 19,7 | 89,1 | |
Stadt Hannover | 12 | 2,9 | 2,9 | 92,0 | |
Stadt Oldenburg | 14 | 3,4 | 3,4 | 95,4 | |
Stadt Osnabrück | 10 | 2,4 | 2,4 | 97,8 | |
Stadt Göttingen | 9 | 2,2 | 2,2 | 100,0 | |
Gesamt | 412 | 100,0 | 100,0 |
| |
Neben den Jugendämtern der in der Tabelle aufgeführten Landkreise und Städte haben sich auch Fachkräfte des Landesamtes (LS) an der Befragung beteiligt. Insgesamt umfasst die Stichprobe 412 Personen aus unterschiedlichen Regionen Niedersachsens. Dabei stammen 86, 4 Prozent der Befragten aus Landkreisen und 13,6 Prozent aus städtischen Jugendamtsgebieten.
Ordnet man die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Erhebung nach der jeweiligen Aufgabe im System der Jugendhilfe, so ergibt sich folgendes Bild:
Funktion | |||||
| Häufigkeit | Prozent | Gültige | Kumulierte | |
Gültig | ASD[2] | 129 | 31,3 | 31,3 | 31,3 |
PKD[3] | 29 | 7,0 | 7,0 | 38,3 | |
Leitung | 20 | 4,9 | 4,9 | 43,2 | |
LS[4] und Sonstige | 38 | 9,2 | 9,2 | 52,4 | |
Schüler/ Studenten | 44 | 10,7 | 10,7 | 63,1 | |
Leitung freie Träger | 35 | 8,5 | 8,5 | 71,6 | |
Betreuung freie Träger | 56 | 13,6 | 13,6 | 85,2 | |
Pflegeperson | 61 | 14,8 | 14,8 | 100,0 | |
Gesamt | 412 | 100,0 | 100,0 |
| |
Damit sind Fachkräfte des öffentlichen Trägers der Jugendhilfe zu 43,2 Prozent und Fachkräfte freier Träger bzw. Pflegeeltern mit 36,9 Prozent in vergleichbare Quantität vertreten. Dies ermöglicht es, beide Gruppen auf Unterschiedlichkeiten hinsichtlich ihrer Bewertungen zu untersuchen. Die übrigen Fachkräfte bzw. jungen Menschen sind in dieser Erhebung mit fast 20 Prozent vertreten. Sie bilden eine weitere relevante Vergleichs-/ Bezugsgruppe für die Auswertungen.
Deskriptive statistische Analysen
In einem ersten Schritt werden die Verteilungen bezüglich der Kompetenzen der verschiedenen Teilnehmergruppen vorgestellt, wobei ein erster Eindruck bezüglich der Homogenität/ Heterogenität der Vorstellungsinhalte entsteht. Daran anknüpfend werden dann die Differenzen zwischen den unterschiedlichen Gruppen der Untersuchung genauer untersucht.
5.2 Bewertung der Kompetenzbereiche
Nachfolgend werden zunächst die Verteilungen entsprechend der unterschiedlichen thematischen Bereiche des Erhebungsinstrumentes vorgestellt.
Finanzen
Bezüglich der Bewertung der einzelnen für wichtig gehaltenen Kompetenzen, zunächst der Blick auf den Bereich „Finanzen“. Die entsprechende Kompetenz, die eigene finanzielle Existenz zu sichern, bewerten die Fachkräfte wie folgt:
Die verschiedenen Ausprägungen der Kompetenzen, die eigenen Finanzen selbständig regeln zu können und im Blick zu behalten, findet durchweg hohe Zustimmung. Dies gilt insbesondere für die Fähigkeit, das verfügbare Geld so einzuteilen, dass es für den gesamten Zeitraum eines Monats reicht, die eigenen finanziellen Verpflichtungen stets bekannt sind und das Geld so einzuteilen, dass es zu keiner Verschuldung kommt. Siehe dazu die nachfolgende Abbildung 1[5].
Wohnen
Bezüglich der Fähigkeit des Wohnens wird am deutlichsten die grundlegende Kompetenz benannt, „in einer eigenen Wohnung allein klar zu kommen“, eine Kompetenz, die weniger dem Bereich des Wohnens, als vielmehr der grundlegenden Kompetenz einer eigenständigen Lebensführung zuzuordnen ist. Demgegenüber werden Kompetenzen wie „die Wäsche zu bügeln und zu reinigen“, erkennbar geringer hinsichtlich ihrer Bedeutung für die seltene Lebensführung eingeschätzt.
Gesundheit
Im Unterschied zu dem Aspekt des Wohnens kommt aus Sicht der Fachkräfte den Fähigkeiten, für die eigene Gesundheit verantwortlich zu sorgen, eine noch höhere Relevanz im Sinne einer solchen Lebensführung zu. So sind hier die Bewertungen durchweg höher. Dies gilt insbesondere für die gesundheitlichen Aspekte der Verhütung und des Wissens über Suchtmittel. Die Differenzen in den Einschätzungen der Fachkräfte bezüglich der Relevanz entsprechender Kompetenzen im Bereich der Gesundheit sind jedoch außerordentlich gering.
Eigenverantwortung
Vergleichbar dem Aspekt der Gesundheit, wird auch hinsichtlich der Eigenverantwortlichkeit aus Sicht der Fachkräfte Wert darauf gelegt, dass insbesondere grundlegende Tugenden wie die Verlässlichkeit hinsichtlich der Einhaltung von Pünktlichkeit am Arbeitsplatz bzw. in der Ausbildung und ein verantwortliches Handeln insbesondere bei Vertragsabschlüssen zu erwarten ist. Demgegenüber wird die Fähigkeit, mit kritischen Situationen kompetent umzugehen, erkennbar geringer hinsichtlich ihrer Bedeutung für die selbständige Lebensführung seitens der Fachkräfte eingeschätzt.
Netzwerk
Unter diesem Stichwort werden sowohl bestimmte Kompetenzen wie die Fähigkeit, sich entsprechenden Rat und Informationen zu beschaffen thematisiert, als auch Grad und Umfang der sozialen Einbindung und soziale Beziehungen zu anderen Personen. Neben der grundlegenden Fähigkeit, sich entsprechende Unterstützung im Bedarfsfall zu verschaffen, wird aus Sicht der Fachkräfte am ehesten noch die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung von sozialen Bindungen zur Familie als relevant angesehen. Demgegenüber werden andere soziale Aktivitäten und Beziehungen als erkennbar weniger relevant bewertet.
Zusammenfassung
Addiert man die einzelnen Merkmale einer Dimension und bildet einen Gesamtmittelwert pro Dimension, zeigt sich, dass aus Sicht der Fachkräfte insbesondere die Dimensionen „Gesundheit“,
„Finanzen“ und „Eigenverantwortung“ hohe Bedeutung hinsichtlich ihrer Relevanz für eine selbständige Lebensführung erfahren.
5.3 Priorisierung der Kompetenzen nach Relevanz für die Lebensführung
Im Rahmen der Erhebung wurden die befragten Fachkräfte nicht nur gebeten, aus ihrer Sicht die Bedeutung der einzelnen Kompetenzen für eine selbständige Lebensführung zu bewerten, sie wurden auch gebeten, die einzelnen Merkmalen hinsichtlich ihrer Bedeutung für eine erfolgreiche selbständige Lebensführung zu priorisieren, d.h. eine Reihenfolge der Einzelaussagen von 1 bis 26 zu bilden. Dadurch soll der Versuch unternommen werden, die für wichtig gehaltenen Kompetenzen von den weniger bedeutsamen zu unterscheiden.
Entsprechend dieser Aufgabe kommen die Fachkräfte zu folgender Priorisierung der Einzelkompetenzen für eine erfolgreiche Lebensführung.
Betrachtet man diese Verteilung, nehmen aus Sicht der Fachkräfte Kompetenzen im Umgang mit Finanzen einen besonders hohen Stellenwert für die erfolgreiche zukünftige Lebensbewältigung ein. Erst danach folgen Zuverlässigkeit im Sinne von „Pünktlichkeit“ sowie der verantwortliche Umgang mit Geschäftsprozessen, hier dargestellt mit dem Merkmal „Abschluss von Verträgen“. Es folgen Kompetenzen zum Gesundheitsverhalten, insbesondere zu Verhütung und Sucht sowie die grundlegende Fähigkeit, seinen Haushalt allein zu führen, was weniger als ein Aspekt des Wohnens betrachtet werden kann. Die Kompetenz, sich in Krisensituationen Rat und Unterstützung zu beschaffen, wird ebenfalls noch zu den zehn wichtigsten grundlegenden Kompetenzen als Teil einer erfolgreichen Lebensführung gezählt. Dass man seine eigene Wohnung in Ordnung hält, ist aus Sicht der Fachkräfte ebenfalls einer der zehn wichtigsten Grundkompetenzen, die man für eine eigenständige Lebensführung benötigt.
Unterschiede in den Bewertungen
Vergleicht man die Bewertungsmuster von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der öffentlichen und der freien Träger hinsichtlich der von ihnen für relevant gehaltenen Kompetenzen, ergeben sich Unterschiede bei einigen Merkmalsbereichen, insbesondere bezüglich der Dimensionen „Wohnen“ und „Netzwerk“.
So lässt sich feststellen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des öffentlichen Trägers die Bedeutung der Kompetenz eines jungen Menschen, sich in schwierigen Situationen Hilfe und Unterstützung zu suchen höher bewertet wird, als von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der freien Träger[6].
Demgegenüber bewerten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der freien Träger Fähigkeiten und Fertigkeiten des alltäglichen Lebens aus den Bereichen Wohnen und Gesundheit höher als die der öffentlichen Träger[7].
Fachkräfte des Allgemein Sozialen Dienstes und Pflegeeltern im Vergleich
Betrachtet man die Verteilung der Bewertungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Allgemein Sozialen Dienstes des öffentlichen Trägers der Jugendhilfe im Verhältnis zu den Bewertungen von Pflegeeltern, so werden erhebliche Unterschiede in den Bewertungsmustern dieser beiden Personengruppen deutlich. Damit bestätigt sich die Wahrnehmung von Fachkräften, dass offenkundig von unterschiedlichen Bewertungsmaßstäben bei entsprechenden Personengruppen hinsichtlich der Erwartungen an die Kompetenzen von jungen Erwachsenen ausgegangen werden muss.
Die nachfolgende Tabelle enthält eine Übersicht der signifikant unterschiedlichen Bewertungen dieser beiden Personengruppen.
Merkmal | Gruppe | Mittelwert |
F4 Preisbewusst einzukaufen | ASD | 2,17 |
Pflegeperson | 1,90 | |
F5 Geld reicht für gesamten Monat | ASD | 1,29 |
Pflegeperson | 1,10 | |
F6 Wissen wo man finanzielle Hilfe bekommt | ASD | 1,90 |
Pflegeperson | 2,33 | |
F7 Wohnung sauber halten | ASD | 1,95 |
Pflegeperson | 1,58 | |
F8 Wäsche waschen | ASD | 2,17 |
Pflegeperson | 1,77 | |
F9 Hausregeln einzuhalten | ASD | 2,02 |
Pflegeperson | 1,50 | |
F10 Mahlzeiten zubereiten können | ASD | 2,19 |
Pflegeperson | 1,73 | |
F11 Alleine in Wohnung gut klar kommen | ASD | 1,71 |
Pflegeperson | 1,42 | |
F13 Über Verhütung aufgeklärt | ASD | 1,49 |
Pflegeperson | 1,13 | |
F14 Verantwortungsvoll mit Suchtmitteln umgehen | ASD | 1,73 |
Pflegeperson | 1,08 | |
F18 Mit kritischen Situationen umgehen können | ASD | 2,23 |
Pflegeperson | 1,90 | |
F19 Sich nicht von anderen beeinflussen lassen | ASD | 2,08 |
Pflegeperson | 1,68 | |
F20 Ziele des Hilfeplans kennen | ASD | 2,15 |
Pflegeperson | 1,78 | |
F21 Pünktlich aufstehen und zur Schule/ Arbeit gehen | ASD | 1,40 |
Pflegeperson | 1,10 | |
F23 An vereinbarten Aktivitäten teilnehmen | ASD | 2,80 |
Pflegeperson | 2,17 | |
F24 Regelmäßig mit anderen Jugendlichen treffen | ASD | 2,87 |
Pflegeperson | 2,43 | |
F25 Feste Freundin/ Freund haben | ASD | 3,02 |
Pflegeperson | 2,38 | |
F26 Beziehung zur eigenen Familie einschätzen können | ASD | 2,60 |
Pflegeperson | 1,85 |
Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD) und Pflegekinderdienst (PKD)
Hinsichtlich der Entscheidung über die Gewährung von Hilfen insbesondere gemäß § 41 SGB VIII scheinen gerade die hier betrachteten beiden Gruppen hinsichtlich ihrer Bewertungsmuster von Bedeutung zu sein. Je ähnlicher sich die Bewertungen hinsichtlich der Vorstellungen über erforderliche Kompetenzen sind, desto weniger lassen sich Differenzen in den Verteilungen dieser Jugendhilfeleistungen auf die Unterschiedlichkeit der Bewertungsmuster dieser beiden Fachgruppen zurückführen. Werden jedoch deutliche Unterschiede sichtbar, ist dies ein Anhaltspunkt dafür, dass in Abhängigkeit von der Zuständigkeit für die Entscheidungen über die Hilfen für junge Volljährige die jeweiligen Bewertungsmuster von Bedeutung sind.
In der nachfolgenden Übersicht werden die statistisch signifikanten Unterschiede in den Bewertungen der Kompetenzen durch diese beiden Fachgruppen dargestellt. Je kleiner der Wert ist, desto höher der Grad der Zustimmung hinsichtlich des Erfordernisses der Entwicklung dieser Kompetenz als Voraussetzung von eigenständiger Lebensführung. Andersherum formuliert, je niedriger der Mittelwert, desto größer die „Toleranz“ bei Nichtvorhandensein dieser Kompetenz zum Zeitpunkt der Erreichung der Volljährigkeit mit 18 Jahren.
Merkmal | Funktion | Mittelwert |
F1 Sich nicht verschulden | ASD | 1,37 |
PKD | 1,07 | |
F9 Hausregeln einhalten | ASD | 2,02 |
PKD | 1,71 | |
F12 Arzttermine selbständig wahrnehmen | ASD | 1,71 |
PKD | 1,39 | |
F14 Verantwortungsvoll mit Suchtmitteln umgehen | ASD | 1,73 |
PKD | 1,36 | |
F19 Sich nicht von anderen in seinen Entscheidungen beeinflussen lassen | ASD | 2,08 |
PKD | 1,70 | |
F20 Die Ziele des Hilfeplans kennen | ASD | 2,15 |
PKD | 1,82 | |
F21 Pünktlich aufstehen und zur Schule/ Arbeit gehen | ASD | 1,40 |
PKD |